AWO NRW appelliert: Dringender Handlungsbedarf für Alleinerziehende und deren Kinder!

23.09.2021

Im Mittelpunkt eines Fachtages, zu dem die AWO NRW geladen hatte, standen die Lebenslagen von alleinerziehenden Müttern und Vätern mit einem ganzheitlichen Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisse und konkrete Beispiele aus der Lebensrealität von Alleinerziehenden.

„Wir sprechen hierbei nicht von wenigen Ausnahmen,“ mahnte Muna Hischma, Abteilungsleiterin Soziales der AWO Westliches Westfalen. „Deutschlandweit sind 19 Prozent aller Familien mittlerweile Ein-Eltern-Familien. In NRW sprechen wir von einem Fünftel der Familien und hiervon befinden sich knapp 40 Prozent im ALG-II-Bezug!“ so Hischma. „Auch wenn bereits gute Maßnahmen getroffen wurden und die Wahrnehmung für die Bedarfe von Alleinerziehenden erhöht ist – es ist noch viel Luft nach oben und es müssen weitere entscheidende Rahmenbedingungen verändert und verbessert werden“, fordert Hischma im Namen der AWO NRW.

„Alleinerziehende Mütter und Väter leisten jeden Tag Großartiges. Zugleich erleben sie Benachteiligung und Ungerechtigkeit. Das müssen wir ändern. Wir wollen Alleinerziehende zeitlich und finanziell entlasten und die Teilhabe am Erwerbsleben erleichtern. Das schaffen wir mit flexiblerer und gebührenfreier Kinderbetreuung, einer Kindergrundsicherung, gerechtere Steuerpolitik, mit gezielteren Hilfen bei Arbeitsmarktintegration, Ausbildung und Studium und mit Entlastung im Haushalt,“ forderte Anja Butschkau, Frauenpoltische Sprecherin der SPD-Fraktion.

„Das Armutsrisiko alleinerziehender Familien ist viermal so hoch wie das von Paarfamilien – ein extremer Wert im europäischen Vergleich,“ so Prof. Dr. Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt. Sie erläuterte, dass 38% der alleinerziehenden Mütter eine Tätigkeit ausüben, die nicht dem erlernten Beruf entspricht, hingegen sind es „nur“ 29% der Mütter aus Paarfamilien. „Alleinerziehende Frauen nehmen eher Beschäftigungen an und haben weniger Möglichkeit, noch zu warten, bis sich etwas Geeigneteres findet“, interpretiert Lenze die Ergebnisse.

„Nur ein Viertel der Kinder erhält Unterhalt, dessen Höhe den Mindestunterhalt entspricht oder darüber liegt. Darüber hinaus entstehen Mehrbedarfe, die bislang noch nicht empirisch erfasst sind“, warnte Lenze.

Anja Stahl vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter NRW e.V. (VAMV) berichtete von Erfahrungswerten aus der Beratungsarbeit. Mit finanzieller Unterstützung des MKFFI konnte eine Krisenhotline eingerichtet werden, die von alleinerziehenden Müttern und Vätern vielfach in Anspruch genommen wurde. Alleinerziehende verfügen über ein geringeres Home-Office-Potenzial und eine deutlich geringere Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Zuhause.

„Die vergangenen anderthalb Jahre werden noch anhaltende Folgen haben“, so Anja Stahl. Sieht man auf weitere Zahlen, so wird diese Warnung nochmal zusätzlich untermauert: 23% der alleinerziehenden Angestellten wurden zeitweise freigestellt oder mussten permanent aus der Arbeitssituation ausscheiden.
43% der alleinerziehenden Selbständigen mussten ihre Tätigkeit sogar komplett einstellen. In den vergangenen Monaten wurden wichtige Maßnahmen zur Unterstützung von Alleinerziehenden realisiert – so zum Beispiel zusätzliche Kinderkrankentage, Entschädigungsleistungen im Falle einer behördlich angeordneten Quarantäne oder der Kinderbonus. Jetzt komme es darauf an, weitere gezielte Maßnahmen zu ergreifen, die zu einer nachhaltigen Entlastung von Alleinerziehenden führen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden dringende Handlungsbedarfe weiter beleuchtet. „In NRW sprechen wir über mehr als 38.000 Alleinerziehende ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung,“ informiert Dr. Victoria Schnier der G.I.B. NRW. Sie appellierte, dass es spezielle und gezielte Angebote für Alleinerziehende auf dem Arbeitsmarkt brauche. Die Zielgruppe müsse noch viel stärker in den Blick genommen werden. Nicola Stroop, Vorsitzendes des VAMV NRW, machte deutlich, dass viele der Alleinerziehenden oftmals einen anderen Lebensplan verfolgt haben, der nun neu strukturiert und unterstützt werden müsse – unter Berücksichtigung ihrer psychischen Belastungssituation. Anja Butschkau erläuterte die konkrete Vorstellung der Gestaltung einer Kindergrundsicherung von Seiten der SPD-Fraktion.

Zusammenfassung der zentralen politischen Forderungen:

  • Einführung einer Kindergrundsicherung
  • Erhöhung des steuerlichen Entlastungsbetrages/Steuergerechtigkeit
  • Verbesserung der Kinderbetreuung in den Randzeiten
  • Kita- und Schulschließungen nur im Notfall
  • Notfallbetreuung im Fall einer Schließung
  • Rechtsanspruch auf Reduzierung der Arbeitszeiten mit finanzieller Absicherung
  • Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung bis zum 14. Lebensjahr (auch zu Randzeiten)
  • Schutz vor Altersarmut
  • Entlastung von den Wohnkosten
  • Ambulante Gesundheitsprogramme
  • Flächendeckende Beratungsstellen, welche die Vielfalt an Beratungsthemen berücksichtigen und zentralisieren
  • Zielgerichtete Betreuung/Vermittlung in Jobcentern und Arbeitsagenturen
  • Unbürokratische Finanzierung von Haushaltsdienstleistungen in bestimmten Konstellationen

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