Deutsche Männer bevorzugt?

05.07.2022

Der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW zeigt, dass die geförderte Beschäftigung nach § 16i SGB II aktuell nur einen Bruchteil der arbeitslosen Langzeitleistungsbeziehenden erreicht. Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit sind dies nur vier Prozent. Aus Sicht von Christian Woltering, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW, ist das deutlich zu wenig. Vor allem bei Frauen und Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit besteht Luft nach oben. Die Freie Wohlfahrtspflege NRW fordert zudem eine Verkürzung der im Gesetz verankerten zeitlichen Zugangsvoraussetzungen: Warum muss sich Arbeitslosigkeit erst verfestigen, bevor Fördermaßnahmen greifen?

Wer vom Jobcenter zugewiesene Langzeitarbeitslose in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis einstellt, kann über den § 16i SGB II Förderung erhalten. „Eigentlich ein gutes Instrument, von dem beide Seiten profitieren. Aber es hakt in der Umsetzung“, so Woltering. Ohnehin werden nur 4 Prozent der Langzeitleistungsbeziehenden überhaupt erreicht. Und wer ist das? Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit belegt, dass deutsche Männer am meisten von dem Förderinstrument § 16 I SGB II profitieren. Mehr als die Hälfte der Langzeitleistungs¬beziehenden sind jedoch Frauen (52,4 %). In der Gruppe der Geförderten wird deutlich, dass es hier im Jahr 2021 lediglich 36,7% waren, also nur rund ein Drittel. „Woran liegt das? Warum bekommen überwiegend deutsche Männer eine Förderung, die auf Grund ihrer Voraussetzungen ohnehin eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt haben?“, fragt Woltering. Denn der Blick in die Statistik zeigt: Bei Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit ist die Diskrepanz noch verheerender als bei den Frauen. Ihr Anteil unter den Leistungsbeziehenden liegt bei 42 %. Unter den vom Jobcenter den Unternehmen zugewiesenen Menschen, sind sie mit einem Anteil von 15,7 % in der Förderung deutlich unterrepräsentiert.

Teilzeit, Kinderbetreuung oder Sprachförderung müssen mitgedacht und Teil des Programms werden, so die Forderung der Freien Wohlfahrtspflege NRW. „Es gibt Nachbesserungsbedarf! Ein Förderprogramm mit so viel Potential muss alle Menschen mitnehmen, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft“, fordert Woltering. Kritisch sieht der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW auch die Dauer der Arbeitslosigkeit von mindestens sechs Jahren innerhalb der letzten sieben Jahre als Grundvoraussetzung. Dies müsse dringend deutlich verkürzt werden, zumal Zeiten wie Inhaftierung, Arbeitslosengeld I-Bezug oder Beschäftigung im Bundesfreiwilligendienst nicht einmal mitzählen.

“Je länger Arbeitslosigkeit dauert, desto schwieriger ist es, den Weg herauszufinden. Warum müssen Menschen erst sechs Jahre arbeitslos sein, damit sie eine Förderung erhalten können, die eine wirkliche Chance bietet, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen“, so Woltering. „Es ist gesellschaftlich sinnvoller und volkswirtschaftlich auch günstiger, die Förderung viel früher einzusetzen, damit über Jahre verfestigte Arbeits- und Hoffnungslosigkeit erst gar nicht entsteht und im Umkehrschluss vorhandene berufliche Kenntnisse nicht gänzlich verloren gehen.“

Arbeitslosenreport NRW 2/2022 als PDF

Datenanhang Arbeitslosenreport NRW 2/2022 als PDF

Weitere Nachrichten

Meldung vom 08.02.2023
Gewonnen! Die neue AWO-Quiz-Show begeistert bei Premiere in Witten weiterlesen
Meldung vom 01.02.2023
Was früher noch Heimarbeit war, ist heute Home-Office und jedem ein Begriff. Doch während selbst der Münchener Erzbischof eine*n Chauffeur*in mit Option auf Home-Office sucht, zieht es viele wieder zurück ins Büro. weiterlesen
Meldung vom 26.01.2023
Die Bertelsmann-Stiftung hat heute neue Zahlen zur Armutsgefährdung von Kindern und Jugendlichen veröffentlicht. Demnach sind fast 3 Millionen Kinder unter 18 Jahren und zusätzlich mehr als 1,5 Millionen junge Erwachsene im Alter von unter 25 Jahren armutsgefährdet. weiterlesen
Meldung vom 23.01.2023
AWO bietet Reha und Vorsorge für Menschen, die am Limit pflegen weiterlesen
Meldung vom 23.01.2023
Was braucht das Ruhrgebiet, um allen eine gute Zukunft zu ermöglichen? Dieser Frage möchte unter anderem AWO-Präsident Michael Groß, gemeinsam mit Ihnen, auf den Grund gehen. weiterlesen
Meldung vom 17.01.2023
Die weltweit größte Nothilfe- und Entwicklungshilfeorganisation Oxfam testiert in ihrem Ungleichheits-Bericht die zunehmenden globalen Verwerfungen und ungerechten Entwicklungen zwischen arm und reich: weiterlesen
Meldung vom 01.01.2023
Der deutsche Pass ist ein hohes Gut in diesem Land. Deshalb möchte Friedrich Merz ihn ganz besonders schützen. Ohne fehlerfreies Deutsch kein Pass - ganz einfach. Aber wie soll man eine Sprache lernen, wenn zwischen drei Jobs kaum Geld und noch weniger Zeit übrig bleibt? weiterlesen