„Die wichtigste Verbündete der Demokratie ist die Aufklärung“

16.02.2018

Franz Müntefering ist Vorsitzender der BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen). Die BAGSO lädt vom 28. bis 30. Mai 2018 zum Deutschen Seniorentag in die Westfalenhallen Dortmund ein. Der AWO Bezirksverband wird mit einem Stand vertreten sein und über seine vielfältigen Angebote informieren. Im Vorfeld sprachen wir mit Franz Müntefering über Generationenverträge, Gerechtigkeit und über das A und O im Alter.

Herr Müntefering, mit Blick auf die alternde Gesellschaft: wo stehen wir überhaupt?

In Deutschland leben zurzeit etwa 5 Millionen über 80-Jährige. Die meisten sind relativ gut drauf. Wir werden 2035 bis 2040 schon zwischen 7,5 und 8 Millionen sein. 1964 war das Jahr der höchsten Geburtenrate: 1,4 Millionen Kinder kamen in Ost und West zur Welt. Jetzt sind es etwa nur noch 700.000 Geburten pro Jahr. Die Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren etwas verbessert. Das haben wir auch den Menschen zu verdanken, die zu uns gekommen sind. Die können wir eigentlich ganz gut gebrauchen.

Welche Konzepte brauchen wir, damit es Menschen im Alter finanziell gut geht?

Altersarmut müssen wir sehr ernst nehmen. Trotzdem empfehle ich, den Menschen keine Angst zu machen. Die Frage, ob man eine anständige Rente bekommt, entscheidet sich in den Jahren, in denen man gearbeitet hat. Das hängt davon ab, wie hoch die Löhne waren. Die niedrigen Renten betreffen oft Frauen, weil sie kein kontinuierliches Arbeitsleben hatten. Zudem sind die Löhne von Frauen oft niedriger. Das ist ungerecht. Diese Benachteiligung zieht sich durch das ganze Leben. Deshalb sind Familienzeiten ein wichtiger Punkt, der geklärt werden muss. Und was ist mit den Menschen, die Zuhause pflegen: Bekommen die dafür einen Ausgleich? Da gibt es Besserungsbedarf. Gute Arbeit, gute Löhne und gerechte Steuern sichern gute Renten.

Warum empfinden so viele Menschen Politik als ungerecht?

Die wichtigste Verbündete der Demokratie ist die Aufklärung. Die Menschen müssen Bescheid wissen. Da ist vor allem die Politik gefragt. Interviews und Gespräche sind wichtig.  Informationen müssen so vermittelt werden, dass die Menschen sie verstehen. Politik darf nicht versuchen, die Probleme still und leise zu lösen, „alternativlos“, auch wenn es Ärger verursacht.

Die Probleme in der Pflege…

Ich weiß, dass die AWO gerade dabei ist, einen Sozialtarifvertrag zu entwickeln, um Pflegekräfte besser zu bezahlen. Das muss die Politik aufnehmen und stützen. Einen Menschen zu pflegen, ist mindestens so wichtig wie, Schrauben in Autos zu drehen. Aber es muss eben gelingen, dass Menschen den Beruf auch deshalb ergreifen, weil er gut bezahlt wird.

Sprechen wir über die Generationen.  Wo sehen Sie die Konflikte?

Ich glaube nicht, dass Streit zwischen den Generationen ausbricht. Eher zwischen denen, die gutes Geld verdienen und denjenigen, die kein gutes Geld verdienen. So teilt sich die Gesellschaft zwischen denen, die haben und denen, die wenig haben. Auch zwischen den Vernünftigen und den Bekloppten, einer anderen Kategorie, deren Zahl in unserem Land leider zunimmt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern haben wir gute Voraussetzungen, allen Kindern Bildung zu ermöglichen. Wir müssen von Anfang an in die Bildung und Ausbildung unserer Kinder investieren. Kein Kind zurück lassen – das muss uns gelingen.
Wenn man über den Generationsvertrag spricht, muss man dafür sorgen, dass die nachwachsende Generation alle Voraussetzungen hat, dass dieses System funktioniert. Das ist für die Jungen wichtig, aber auch für die älteren Menschen. Die Gesellschaft, das sind immer alle Generationen. Wir sind auch alle aufeinander angewiesen.

Welche Strukturen brauchen wir, um in Würde alt zu werden?

Ärzte, Apotheker, Mobilität, Geselligkeit und die Begegnung zwischen Menschen. Das brauchen wir vor Ort. Das zu schaffen, ist die wichtigste Herausforderung in der Zukunft. Im Grunde brauchen wir Stadtteile, Dörfer und Gemeinschaften, die als Netzwerke funktionieren. Das erreichen wir aber nur durch ein vernünftiges Miteinander. Das lässt sich nicht alleine mit dem Sozialversicherungssystem regeln. Die Idee vom Quartier, die vielerorts Freunde gewinnt, hilft dabei.

Stichwort Altenbericht. Wird es nicht höchste Zeit, neue Konzepte umzusetzen?

Das ist richtig. Die Politik muss einen nachhaltigen Ansatz entwickeln und zwar mit Blick auf die nächsten 20 bis 30 Jahre. Es ist wichtig, die Städte in die Pflicht zu nehmen, finanziell und in Bezug auf die Umsetzung von Konzepten. Partnerschaften mit Trägern wie der AWO und anderen Wohlfahrtsverbänden sind hilfreich. Wer kann in der Stadt Beratungsangebote bereithalten? Das ist wichtig für die Älteren, auch ihre Kinder und Freunde, denn nicht selten kommen die Herausforderungen unvorbereitet.
Die meisten Menschen möchten im Alter und besonders bei Pflegebedarf gerne zu Hause sein. Wo das möglich ist, ist das gut und unterstützenswert. Aber Pflegen ist nicht leicht. Anspruchsvolle Pflege ist ein Beruf. Sich opfern nützt niemandem. Ein gutes Zusammenwirken von Hauptamtlichen, Ehrenamtlichen und Angehörigen bleibt immer sinnvoll, wo immer der betroffene Mensch auch lebt.

Das größte Problem im Alter…

…ist Einsamkeit. Soziale Isolation ist das Schlimmste. Mobilität und Kontakte sind das A und O im Alter.  Das merke ich auch selber: Man hatte Freunde und Bekannte, die plötzlich nicht mehr da sind. Das heißt, dass der Kreis mit dem man permanent etwas zu tun hatte, immer kleiner wird.
Ich bin dagegen, den Staat aus der Verantwortung zu entlassen. Er muss für Freiheit und Gerechtigkeit sorgen. Die Solidarität, also der dritte Wert, der auch bei der AWO so eine wichtige Rolle spielt, funktioniert aber nur, wenn die Solidarität zwischen den Menschen gelebt wird. Das kann der Staat aber nicht erzwingen. Das kann er nur ermöglichen und dazu einladen. Ob Solidarität zwischen Menschen gelebt wird, ist immer Sache des Einzelnen. Jeder von uns ist da in der Mit-Verantwortung.

Veranstaltungs-Tipp:
Vom 28. bis 30 Mai findet in Dortmund der Deutsche Seniorentag statt. Mit über 100 Veranstaltungen zählt er zu den führenden bundesweiten Veranstaltungen für ältere Menschen. Der AWO Bezirksverband ist auch vertreten und stellt sein vielfältiges Angebot vor. Schwerpunkt sind die Kur-Einrichtungen für pflegende Angehörige. Zudem haben junge und ältere Menschen im AWO-World-Café Gelegenheit, sich Generationen übergreifend auszutauschen. Weitere Infos unter www.deutscher-seniorentag.de

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